(Fast) alles im Leben ist relativ

Ein verstauchter Knöchel kann sehr unangenehm sein. Aber wenn man unter chronischen Rückenschmerzen leidet, ist ein verstauchter Knöchel ein kleines Problem.
24 Stunden Zusammensein mit einem geliebten Menschen ist kurz. 24 Stunden Zusammensein mit gewaltbereiten Menschen jedoch ist eine «Ewigkeit».

(Fast) alles im Leben ist relativ.

Eindrücklich erfahrbar macht das Dietrich Bonhoeffer. Er ist evangelischer Theologe und wurde 1945 von den Nazis im Konzentrationslager Flossenbürg hingerichtet. In diesem Konzentrationslager schrieb er folgende Worte. Sie sind auch im katholischen Gesangbuch bei der Nummer KG 569,1 zu finden.

In mir ist es finster, aber bei dir ist das Licht;
ich bin einsam, aber du verlässt mich nicht;
ich bin kleinmütig, aber bei dir ist die Hilfe;
ich bin unruhig, aber bei dir ist der Friede;
in mir ist Bitterkeit, aber bei dir ist die Geduld;
ich verstehe deine Wege nicht,
aber du weisst den Weg für mich.
(Dietrich Bonhoeffer, 1906-1945)

 

Solche Worte in einer Situation wie seiner lassen die momentanen Erfahrungen anders aussehen.

(Fast) alles im Leben ist relativ.

Andres Lienhard, Pfarreiseelsorger (Foto: pixabay.com)

Macht und Liebe

Gravur für den mächtigsten Mann der Welt – und nicht nur für ihn

Heute wird Joe Biden als neuer Präsident der USA vereidigt. Gespannt blickt die Welt nach Washington – auch mit etwas Bangen nach all den Spannungen, die sich in den letzten Monaten und Jahren aufgebaut haben. Wird es weitere Unruhen geben oder gar Gewaltakte? Kann diese Feier überhaupt in einem respektvollen Rahmen über die Bühne gehen? Wie wird die USA einen Weg zur Versöhnung finden?

Die Medien haben den politischen Kampf in den USA dankbar aufgriffen. Es gibt Themen, die wecken unsere Aufmerksamkeit und zahlen sich (für einige wenigstens) im wahrsten Sinne des Wortes aus. Vor allem Skandale regen unsere Phantasie an und füllen die Klatsch- und Kommentarspalten. Aber irgendwann kommt der Punkt, da wird dieses ewige Blossstellen und die aggressiven Worte, das Hinterfragen, Intrigieren und Schwarz-Weiss-Denken ermüdend und wir sehen nur noch die Abgründe unserer menschlichen Gesellschaft. Ich hoffe sehr, dass die USA diesen Punkt der Umkehr erreicht haben. Dabei liegt es mir fern, mit dem Finger einfach nur auf die anderen zu zeigen, denn ich weiss, dass wir alle immer wieder in Gefahr sind, in diese Sackgasse der Machtspielchen zu laufen. Dann brauchen wir einen Wendepunkt und Neuanfang. Und es braucht eine Richtschnur, an der wir unser Verhalten positiv ausrichten können, zum Beispiel die Botschaft des Paulus an die zerstrittene christliche Gemeinde in Korinth. Die Welt und unser Umgang miteinander würden ziemlich anders aussehen, wenn wir diese Worte in unsere Herzen eingravieren würden:

«Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. Sie verletzt nicht den Anstand, sucht nicht den eigenen Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit. Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand.»
1 Kor 13, 4-7

Lukas Briellmann (Foto: Lukas Briellmann)

Wahre Grösse

Im Baum vor unserem Haus lebt eine Rotkehlchen-Familie. Diese Vögel sind extrem klein und leicht. Nur gerade 16 bis 20 Gramm wiegen sie. Umso mehr staune ich, wie sie die Temperaturen in diesen Wintermonaten aushalten. Teilweise sank das Thermometer in den Januar-Nächten auf bis zu minus 8 Grad. Ich würde es bei einer solchen Kälte nachts nicht lange aushalten. Aber diese leichtgewichtigen Vögel mit ihren dünnen Beinchen trotzen der Kälte unseres Winters und zeigen eine eindrückliche Ausdauer und Widerstandskraft.

In unserer Gesellschaft geht es in erste Linie um Grösse. Grösse beeindruckt, Grösse schüchtert ein, Grösse lässt die Muskeln spielen. Aber im Blick auf das Rotkehlchen wird Grösse anders definiert. Das wahrhaft Eindrückliche und Staunenswerte findet sich oft nicht in der grossen Öffentlichkeit und muss weder laut noch aufdringlich sein. Dieser unscheinbare Vogel im Baum vor meinem Haus lässt mich die Kraft entdecken, die im Kleinen liegt. Und er erinnert mich an die wunderbare Gabe Jesu, das Unbedeutende in den Mittelpunkt zu rücken und ihm Grösse zuzusprechen!

«Seht euch die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen; euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie?»
(Mt 6,26)

Lukas Briellmann (Foto: Lukas Briellmann)

 

 

„Wie schön du bist …“

Wie schön du bist, meine Freundin, wie schön! Deine Augen sind wie Tauben.
(Hl 1,15)

Die Maskenpflicht hat in den letzten Monaten in vieler Hinsicht für Gesprächsstoff gesorgt. Die Maske an sich hat keinen guten Ruf. Die einen bezweifeln ihre Wirksamkeit, andere leiden unter verschiedensten unangenehmen Begleiterscheinungen wie Kopfschmerzen und Hautproblemen und nochmal andere fühlen sich sogar in ihren demokratischen Rechten eingeschränkt, wenn sie eine Maske tragen müssen.

Ich persönlich habe so meine liebe Mühe, mich hier im Pastoralraum einzufinden, weil ich die meisten Pfarreimitglieder entweder nur telefonisch oder auf Distanz und mit Maske kennen lerne. Das erschwert noch zusätzlich den sowieso schon schwierigen Prozess, Namen mit den dazugehörigen Menschen und Geschichten zu verknüpfen – und diese in der persönlichen Begegnung wiederzuerkennen.

Aber eins muss ich der Maske lassen: Ich habe noch nie vorher so bewusst die Augen meiner Mitmenschen wahrgenommen. Mir sind zwar noch keine Augen begegnet, die aussehen wie Tauben, so wie der Liebende die Augen seiner Geliebten im Hohelied der Liebe beschreibt. Aber ich muss zugeben, dass die meisten Augen meiner Mitmenschen schon viel früher meine Aufmerksamkeit verdient gehabt hätten, da sie wunderschön sind. Manchmal kann ich mir dann nicht verkneifen, das auch zu sagen. Aber naja, ich finde, gerade in der jetzigen Zeit können wir Komplimente doch ganz gut gebrauchen.

Christa Grünenfelder (Foto: pixabay.com)

 

Memento Mori

Wer diesen lateinischen Ausdruck kennt, hat jetzt wahrscheinlich mittelalterliche Szenen mit Totenköpfen vor Augen – was auch ganz gut zu seiner Bedeutung passt: „Gedenke des Todes!“ Ich habe aber zur Illustration meines Textes keinen Totenkopf gewählt, sondern ein Bild, das mich entspannen und tief durchatmen lässt. Seit ich während meines Studiums nebenbei als Nachtwache und Pflegehilfe in einem Altersheim gearbeitet habe, ist es dieses Gefühl, das ich mit Memento mori verbinde.

Im Altersheim damals habe ich den Tod als Teil des Lebens kennen gelernt. Aber vor allem bin ich Menschen in ihrer letzten Lebensphase begegnet. In verschiedenen Gesprächen bei Tag und bei Nacht habe ich einiges davon mitbekommen, was sie beschäftigt hat, was sie zufrieden oder unzufrieden auf ihr Leben hat zurückblicken lassen. Was bei ihnen Bitterkeit ausgelöst und was sie glücklich gemacht hat.

Seither habe ich mir angewöhnt, in manchen Momenten, wenn ich ganz besonders unzufrieden bin, mir die Frage zu stellen: „Wenn ich heute sterben würde, wäre ich zufrieden mit dem, was ich aus meinem Leben gemacht habe?“ Dadurch gelingt es mir meist, für einen kurzen Moment auf Abstand zu meinem Alltagsfrust zu gehen und zu überprüfen, ob die Grundentscheidungen noch stimmen – und meistens kann ich dann mit Ja antworten. Ich habe das Gefühl, dass ich seither bewusster und intensiver lebe. Nicht jeden Tag. Aber oft genug.

Christa Grünenfelder (Foto: pixabay.com)

Drei Könige

Sie gehört zu den bekanntesten der biblischen Geschichten: Die Sternkundigen aus dem Osten, aufgeschrieben vom Evangelisten Matthäus. Mit ihren wertvollen Geschenken sind sie unterwegs und suchen den neugeborenen König. Ein besonderer Stern weist ihnen den Weg.
In der Volksfrömmigkeit und der westlichen Kunst wurden aus den Magiern Heilige Drei Könige. Drei ist immer die Zahl des ganzen Menschen. Die Kunst hat die Könige als Vertreter der drei Lebensbereiche gesehen oder als Bilder für die drei Erdteile Europa, Afrika und Asien. Wer hat ihnen die Namen Caspar, Melchior und Balthasar gegeben? Wir wissen es nicht.

Welcher Stern treibt dich an? Verlierst du ihn aus den Augen, wenn die Wege beschwerlich werden? Oder ist dein Vertrauen grösser?

Trägst du Geschenke mit dir; Gold, Weihrauch, Myrrhe? Liebe, Sehnsucht und Schmerzen?

… feiern wir die Sehnsucht,
Gott im Herzen von allem zu suchen,
zu erahnen, zu ertasten,
Gott in uns Mensch werden zu lassen,
selbst ganz menschlich leben zu können.
(Pierre Stutz)

Selbst königliche Menschen zu werden durch die Begegnung mit dem kleinen Kind in der Krippe, das wünsche ich uns allen.

Pia Pfister (Foto: Guy Dugas, pixabay.com)