Ich habe dieses Jahr über einige Wochen hinweg eine Schwanenfamilie mit vier Jungtieren beobachtet. Jeden Morgen habe ich angefangen, nach ihnen Ausschau zu halten, sobald ich an die Reuss kam. In diesem Zusammenhang ist mir die Geschichte vom hässlichen Entlein eingefallen, das von allen ausgelacht wurde und sich später als Schwan entpuppt hat. Im Märchen von Hans-Christian Andersen ruft der Schwan am Ende, als er von allen bewundert wird: „So viel Glück habe ich mir nicht träumen lassen, als ich noch das hässliche Entlein war!»

Ich finde die Formulierung spannend. Eigentlich war er ja schon immer ein Schwan. Aber solange er von allen als hässliches Entlein behandelt wurde, war er irgendwie auch eines oder hat sich zumindest wie eines gefühlt und das, was er sich von seiner Zukunft erhoffen konnte, wurde davon geprägt. Von ihm wurde erwartet, dass er eine Ente wird und sich wie eine Ente verhält, was für ihn aber nicht möglich war. Er war anders und deshalb wurde ihm das Leben schwergemacht.

Wir alle haben gewisse Erwartungshaltungen, die uns dabei helfen, uns auf zukünftige Entwicklungen vorzubereiten und dadurch das Leben besser bewältigen zu können. Wenn ich den Stein loslasse, dann fällt er. Ursache – Wirkung. Aber manchmal verhindern genau diese Erwartungshaltungen, dieser ständige Blick in die Zukunft, dass wir wahrnehmen, wer oder was in diesem Moment vor uns steht. Gerade im zwischenmenschlichen Zusammenleben lohnt es sich, sein Gegenüber so zu nehmen, wie es ist und nicht nur darauf zu warten, wie es in einer idealen Zukunft werden könnte. Sonst kann es schnell passieren, dass wir uns verpassen, wie die Gans und der Schwan im Bild. Dass wir statt miteinander eher aneinander vorbei leben.

Text und Foto: Christa Grünenfelder