Immer wieder gibt es Frauen und Männer, die ihrer Zeit ein besonderes Gepräge geben und von denen entscheidende Impulse kommen. Hildegard von Bingen (1098–1179) war im zwölften Jahrhundert eine solche Frau. Am 17. September ist jeweils ihr Gedenktag.

Am Allerheiligentag 1106 wurde Hildegard in die Obhut von Jutta von Sponheim im Benediktinerkloster Disibodenberg gegeben. 35 Jahre verbrachte Hildegard auf dem Disibodenberg. Ihr Lehrer war der Mönch Volmar, der ihr später als Sekretär diente. Neben Lesen und Schreiben, Psalmodieren und Handarbeiten hat sich Hildegard eine solide Kenntnis der Bibel, der Kirchenväter und der wichtigsten theologischen Autoren ihrer Zeit angeeignet. Als 1136 Jutta von Sponheim starb, wurde Hildegard zu ihrer Nachfolgerin gewählt. Hildegard diktierte ihre verschiedenen Schriften und schrieb fast 400 Briefe. Sie stand mit den Herrschern und den Päpsten ihrer Zeit in Briefkontakt und scheute sich nicht, die kirchlichen und die weltlichen Amtsträger zu mahnen. Auch ihre Liedersammlung von 77 Kompositionen sind bekannt, ebenfalls ein Singspiel und eine Sammlung von Predigten. Als auf dem Disiboden für den weiblichen Ordensnachwuchs kein Platz mehr war, verliess Hildegard 1150 ihr bisheriges Domizil mit zwanzig Schwestern. Sie gründete auf dem Rupertsberg ihr erstes Kloster. Ein paar Jahre später initiierte Hildegard in Eibingen unweit von Rüdesheim ein weiteres Kloster. Obwohl der Disibodenberger Konvent der Errichtung eines eigenen Frauenklosters auf dem Rupertsberg zugestimmt hatte, machte er ihnen alle erdenklichen Schwierigkeiten. Dabei ging es um Geld und Besitz, aber auch um die prominent gewordene Hildegard, die man gern als Prestigeobjekt auf dem Disibodenberg behalten hätte. «Hildegard hatte den Wunsch, sich aus der Bevormundung durch Abt Kuno und seine Mönche zu lösen». Die neue, in den Jahren 1900 bis 1904 erbaute Benediktinerabtei St. Hildegard, in der heute über 50 Ordensfrauen leben, liegt oberhalb des alten Klosters.

Ich bin mir durchaus bewusst, dass die Sprache der Hildegard von damals heute fremd anmutet. Dennoch ist es faszinierend, dass Hildegard in der damaligen Zeit von der «umarmenden Mutterliebe Gottes» schrieb. Und in einem ihrer Hymnen an Sophia schrieb sie:

Du auch
führest meinen Geist
der Deine Lehre trinkt
ins Weite
Wehest Weisheit in ihn
und mit der Weisheit die Freude.

Hildegard starb in den frühen Morgenstunden des 17. September 1179.

Regina Osterwalder (Foto: Ruine des Klosters Disibodenberg, pixabay.com)