Von welchem «Ross» ist da die Rede? Ist das nicht ein Tippfehler im Titel? Nein, überhaupt nicht! Es war für uns Kinder ein Vergnügen, die Erwachsenen mit diesem Missverständnis zu ärgern! Damals gehörten Pferde noch zu Bauernhöfen. Sie wurden eingespannt, mussten Gras- und Heuwagen in die Scheune bringen oder Pflug und Egge mühsam über den Acker ziehen. Und wenn wieder einmal eines «durchgebrannt» ist, wurde das zum Dorfgespräch. «Ein Ross entsprungen» war viel verständlicher als ein «Ros».

In der aktuellen Corona-Situation dürfen wir ja im Gottesdienst gar nicht mehr singen. Daher wird das Weihnachtslied «Es ist ein Ros entsprungen» vom Text her kaum Probleme bieten. Da sind nämlich knifflige Auslege-Fragen drin. Wer ist der «Röslein» und wer das «Blümelein»? Maria und Jesus – oder beide Male Jesus? Das ist halt «von Konfession zu Konfession verschieden».

Die Stickerin des Velums (Bild) hat das wohl kaum bewegt. In der Regel waren es Nonnen, die so filigrane Dekors auf Priestergewänder genäht haben. Ihre Arbeit wurde immer wieder von Gebetszeiten unterbrochen. Da haben sie Psalmen gesungen und auf Propheten-Texte gehört. Aber beim Sticken waren ihre Gedanken ja frei. Vielleicht erinnerten sie sich an die die Blumen, die sie vor dem Eintritt ins Kloster von einem Liebhaber noch erhalten hatten? Oder an einen Ausritt auf dem Pferd, das sie zuhause zurücklassen mussten?

Beat Jung
(Foto: Blumen-Stickerei auf Velum, Paramenten-Sakristei der Hofkirche Luzern, Beat Jung)