Bevor im Herbst sich die Blätter färben, geniesse ich jeweils das satte Grün in der Natur. Eine der grossen und weisen Frauen des Mittelalters – Hildegard von Bingen (1098–1179) – schrieb von diesem Grün als lebensspendende «Grünkraft» (lateinischer Begriff «Viridatis»). Dieser Begriff «Viriditas» ist häufig in den Schriften der Hl. Hildegard von Bingen zu finden. Es handelt sich um eine Grundlage der Hildegard-Mystik. Als Grünkraft bezeichnete Hildegard von Bingen die Kraft, die allem Lebendigen zugrunde liegt. Hildegard war der Auffassung, dass kraftvolles Leben überall dort möglich ist, wo das Grüne geschätzt und genutzt wird. Auf Wiesen, in Wäldern, Gärten, kurz: in der Natur. Für Hildegard ist Grün mehr als nur die wechselnde Färbung des Grases und des Laubes im Laufe der Jahreszeiten. Für sie ist es der Ausgleich der Lebenskräfte, ihr Rhythmus, ihre Balance. Diese «Grünheit» ist für Hildegard in der Pflanze; aber ebenso wirkt sie im menschlichen Körper und nicht weniger in der menschlichen Seele. «Es gibt eine Kraft aus der Ewigkeit» sagt Hildegard, «und diese Kraft ist grün». Hildegard schrieb auch ein Lied mit dem Titel «O edelstes Grün».

«O edelstes Grün,
das wurzelt in der Sonne
und leuchtet in klarer Heiterkeit,
im Rund des kreisenden Rades,
das die Herrlichkeit des Irdischen nicht fasst:
Umarmt von der Herzkraft himmlischer Geheimnisse
rötest du wie das Morgenlicht
und flammst wie der Sonne Glut.
Du Grün, bist umschlossen
von Liebe»

(aus: Ingrid Riedel, Hildegard von Bingen. Prophetin der kosmischen Weisheit, 202).

Hildegard von Bingen geriet lange etwas in Vergessenheit. Seit den 70-er Jahren des 20. Jahrhunderts ist eine Hildegard-Renaissance feststellbar, die einen ersten Höhepunkt um 1998 in dem Jubiläum zu ihrem 900. Geburtstag fand.

Am 10. Mai 2012 wurde sie von Papst Benedikt XVI. in den katholischen Heiligenkalender aufgenommen, rund 800 Jahre nach der ersten Eingabe in Rom. Am 7. Oktober 2012 erhob Papst Benedikt XVI sie auch zur Kirchenlehrerin.

Regina Osterwalder (Foto: pixabay.com)