Kürzlich sagte Alain Berset in einem Interview, dass es einen grossen Unterschied mache, eine Meinung zu haben oder eine Entscheidung fällen zu müssen. Bei grossen gesellschaftlichen Entwicklungen müssen so viele Aspekte berücksichtigt werden. Das ist nicht einfach. Die Wirklichkeit ist mitunter sehr komplex, manchmal sogar widersprüchlich und schwierig einzuordnen. Da empfiehlt sich immer wieder der Blick über den eigenen Gartenhag hinaus, um zu verhindern, dass wir nur noch unsere Wirklichkeit sehen. Das kann anstrengend sein, aber es fördert das Verständnis.

Seit einiger Zeit lasse ich mir spirituelle Impulse der Corrymeela Kommunität in Nordirland zukommen. Das Gebet, das ich kürzlich erhalten habe, könnte uns nicht nur in der Coronazeit helfen, einander besser zu verstehen.

Die Chance der anderen Sichtweise

Gott der Orte,
mit denen wir vertraut sind und die wir lieben.
Gott der Orte,
die auf uns warten, entdeckt zu werden.
So Vieles von unserer Wahrnehmung
gründet in dem, was wir sehen.
Und so Vieles von dem, was wir sehen,
hängt vom Ort ab, an dem wir uns befinden.
Gib uns den Mut, uns wegzubewegen
von den heimeligen Kuschelecken
und ewig-bewährten Sichtweisen.
Gib uns die Voraussicht des Glaubens,
dass der Blick aus einer anderen Richtung
genauso erleuchtend sein kann
wie von meinem bisherigen Standpunkt aus:
ein heiliger Ort
von wo aus wir mehr von dieser Welt erkennen. AMEN

www.corrymeela.org / Übersetzung Lukas Briellmann (Foto: Himmelsfenster im Vintschgau, Südtirol / Lukas Briellmann)