Bild: Nebelkonturen, Lukas Briellmann

Ich gebe zu: Ich bin kein Freund von Nebeltagen, genauer gesagt jener Tage, an denen der Hochnebel über der Landschaft hängt und mit seinem Grau alle Farben zu ersticken droht. Aber umgekehrt lässt der Nebel auch Stimmungen entstehen, die mich faszinieren. Wenn nämlich der Bodennebel Bäume, Häuser und Menschen umwogt, die Details verwischt und nur noch die Konturen erkennen lässt, dann hat diese Verschwommenheit etwas Mystisches.

Wir Menschen glauben, dass wir immer alles klar erkennen müssen. Und nicht selten sind wir der Überzeugung, dass wir ganz klar wissen, wie die Dinge wirklich aussehen. Wahrscheinlicher ist aber, dass wir nie die ganze Wahrheit sehen, sondern immer nur die Konturen. Der grosse Völkerapostel Paulus hat dies einmal so ausgedrückt:

«Jetzt sehen wir (von Gott) nur ein undeutliches Bild wie in einem trüben Spiegel. Einmal aber werden wir ihn von Angesicht zu Angesicht sehen. Jetzt erkenne ich nur Bruchstücke, doch einmal werde ich alles klar erkennen, so deutlich, wie Gott mich jetzt schon kennt.»
(1 Korinther 13,12)

Was Paulus hier über Gott und seinen Glauben an ihn schreibt, gilt wohl für vieles, was wir in der heutigen Zeit als eindeutig, wahr und richtig ansehen: Wie in einem Nebel sehen wir nur ein trübes Bild von dem, was ist. Ich meine, dass uns allen ein bisschen Nebelweisheit guttäte. Die Erkenntnis nämlich, dass ich selten die ganze Wahrheit sehe, sondern meist nur die Konturen. Ausgestattet mit dieser Weisheit würden wir wohl demütiger, geduldiger und gleichzeitig offener miteinander die Wahrheit suchen.

Lukas Briellmann