Vor einigen Jahren begegnete ich einer Familie, deren Vater schwer erkrankt war. Nur eine Lebertransplantation konnte ihn noch retten. Diese war jedoch sehr riskant. Ich begleitete die Familie auf die Operation hin und hörte ihre Ängste, Sorgen und Hoffnungen. Leider verstarb der Mann kurz nach seiner Operation. Am Jahrestag seines Todes rief ich die Frau an. «Wie geht es Dir», fragte ich sie. Da brach sie in Tränen aus und sagte, dass ich der erste Mensch seit langem sei, der bei ihr nachfragte, wie es ihr wirklich ging. Nach dem tragischen Tod ihres Mannes musste sie einfach funktionieren. «Wie geht es Dir?» Diese einfache Frage eröffnete eine Gelegenheit für diese Frau, über ihre Trauer zu sprechen und über die Schwierigkeit, den Alltag als Alleinerziehende zu bestreiten. Mir wurde in diesem Moment bewusst, wie lange es oft braucht, bis wir nach Todesfällen, Krankheiten und anderen Schicksalsschlägen wieder Tritt fassen und etwas Normalität zurückgewinnen. Der Heilungsprozess dauert oft viel länger, als wir das wahrhaben wollen, ob es nun um uns selbst geht oder um andere. Dann tut es zwischendurch einfach gut, wenn jemand mich fragt: «Wie geht es Dir? Vielleicht ist es in dieser aussergewöhnlichen Zeit erst recht wichtig, diese Frage etwas öfter zu stellen und sich die Zeit zu nehmen zuzuhören.

Lukas Briellmann (Foto: Lukas Briellmann)