Als Heimseelsorgerin bin ich öfters an Gottesdienstorten unterwegs, wo nur monatliche Gottesdienste stattfinden. Das bringt gewisse Freiheiten mit sich. Wenn etwa ein schwieriger Bibeltext auf dem Programm steht, kann ich vielleicht noch den von der Woche davor oder danach auswählen. Manchmal gerate ich jedoch auch in Entscheidungsnot, weil es zu viele schöne Möglichkeiten gibt. Welchen Schwerpunkt lege ich? Kann ich Anfang Dezember schon Weihnachtslieder einplanen oder bleibe ich noch beim Advent? Gibt es Anfang Februar den Blasiussegen oder setze ich auf Fasnachtslaune?
Aus der Not geboren
Aus einer solchen Not ist auch das Format «Ostern kompakt» entstanden. Eines Tages fiel nämlich der traditionelle Känzeli-Gottesdienst am ersten Freitag im Monat auf Karfreitag. An diesem Tag schweigen gewöhnlich die Kirchenglocken, das ewige Licht ist ausgelöscht und der Tabernakel bleibt leer. Wir trauern um Jesus. Die Wahl schien auf der Hand zu liegen: entweder eine Karfreitagsandacht oder den Gottesdienst absagen. Aber irgendwie hat sich beides falsch angefühlt. Ganz sicher wollte ich die Heimbewohner:innen nicht einen ganzen Monat bei Karfreitag stehen lassen.
Unerwartete Intensität
Also habe ich mich entschieden, von Karfreitag bis Ostern durchzufeiern bzw. bin ich sogar noch weitergegangen und habe schon bei Palmsonntag ausgeholt. Denn die gesegneten Palmzweige sind beliebte Begleiter durch das ganze Jahr und bereiten in den Heimen viel Freude. Ich bin bestimmt nicht die erste Seelsorgerin, die eine solche Entscheidung getroffen hat. Ich halte sie nicht für besonders revolutionär oder innovativ. Aber ich schreibe darüber, weil ich überwältigt davon war, wie intensiv und lebendig sich diese Feier für mich angefühlt hat.
Ritualisiertes Leben
Als ich da so in 45 Min. von Palmsonntag bis Ostermorgen durchgefeiert habe, ist mir nochmal richtig bewusst geworden, wie viele verschiedene Lebensrealitäten in diesen verschiedenen Feiern drinstecken. Ausgehend vom anfänglichen Jubel an Palmsonntag geht der Weg hin zu Karfreitag durch Enttäuschung, Schmerz, Verlassenheit, Trauer und Hoffnungslosigkeit. Und dann, in diese Dunkelheit hinein kommt das grosse österliche Versprechen von Auferstehung. Die Rückkehr von Licht, Lebensfreude und Vertrauen.
Ostern im Blick behalten
Wenn uns im Leben Schicksalsschläge treffen, dann dauert der Weg zurück ins Licht oft länger als 45 Min. Und er gelingt auch nicht immer. Aber unsere christlichen Rituale können Räume sein, um solche Wege einzuüben, ihnen Raum zu geben, gemeinsam daran zu wachsen und uns gegenseitig zu stärken. Sie helfen, die Erinnerung daran wachzuhalten, dass das Licht nie ganz verschwindet und dass es sich immer lohnt, weiter zu glauben und zu hoffen. In diesem Sinne wünsche ich allen von Herzen:
frohe Ostern!
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